Zirkuläre Fragen – oder: was würden die Kaffeehelden denken?

15.06.2018
Michael Krumm

Zusammenfassung

Es ist meist äußerst hilfreich zu verstehen wer für ein Anliegen/eine Idee relevant ist und was diese Person/en darüber denken könnten. U.a. zirkuläre Fragen (z.B. „Was denkt X über das Vorhaben A?", „Woran würde X merken, dass Y sich verbessert hat?") helfen dabei, Perspektivwechsel zu ermöglichen und das Verständnis für die Situation und System zu erweitern.

Ideen und Fragen – der erste Schritt

„Warum muss man eigentlich das so machen? Ich habe eine super Idee: (einfach eine Idee einfügen). Lasst uns damit gleich anfangen!"

Ein sehr guter Start! Fragen und Ideen, am besten mit dem Ohr und Herz am Kunden, sind unglaublich wertvoll.

Hier ein paar Fragen (in Klammern einige Ideen, mit denen sie beantwortet wurden), die sich einige Menschen gestellt haben:

-          Warum müssen sich Menschen eigentlich ständig treffen um sich auszutauschen? (World Wide Web)
-          Wieso kann ich nicht sofort meinen Musikmoment erleben? (u.a. Spotify)
-          Wie kann ich entspannt und jederzeit überall hinkommen? (autonomes Fahren)
-          Wie kann ich überall zuhause sein? (u.a. AirBnB)
-          Wieso muss ich alles kaufen was ich temporär brauche? (OTTO NOW.)

Von der Idee bis zur Realität gibt es allerdings noch einen „kleinen" Schritt, der noch zu gehen ist: sie muss zum Leben erweckt werden, damit sie etwas bringt. Was bedeutet das konkret?

Wer ist relevant und was denken die anderen?

Nehmen wir ein Unternehmen als Beispiel. Wenn ich eine Idee habe, kann ich sie meistens nicht alleine umsetzen. Selbst wenn ich das kann, wird die umgesetzte Idee im „System Unternehmen" Reaktionen verursachen. Wenn ich zum Beispiel den Kaffeeautomaten umstelle (eine fast tägliche Aufgabe…), werden andere davon betroffen sein. Schauen wir uns das genauer an:

Wer ist davon betroffen, dass ich den Kaffeeautomaten in einen anderen Raum stelle?

-          Alle Mitarbeiter/Kollegen (sie wollen ja, teilweise müde und entsprechend unmotiviert, an den Kaffee…)
-          Kaffeehelden (Auffüllen, Wartung, Reinigung)
-          Elektrik (Sicherung)
-          Garantieerbringer (Wartungsstandort ist ggf. vermerkt)
-          Inventur (Wurde sie gestohlen?)
-          …

Jetzt haben wir schon eine der ersten wichtigen Fragen gestellt und verstehen besser, wer beteiligt sein könnte.

Nun eine nächste Frage: Wie würden es die Kaffeehelden finden, wenn ich die Maschine umstelle?

Sie würden die Maschine vielleicht nicht finden und somit nicht Nachfüllen und Reinigen können. Zudem: ist das Umstellen nicht deren Job? Wie würde es das Team denn finden? Was würde zum Beispiel Michael dazu sagen?

Ihr merkt es vielleicht schon, die Frage danach, wie andere über etwas denken und was sie von etwas halten hilft, andere Perspektiven zu verstehen.

Versuchen wir es doch einmal ohne diese Fragen:

A: „So die Kaffeemaschine ist umgestellt!" (zu sich selbst)

B: „WO IST DER KAFFEE????" (in einem sehr müden Ton)

C: „Die Kaffeemaschine wurde gestohlen – ruft die Sicherheit!"

D: „Das ist nicht den Vorgaben entsprechend. Da darf die Maschine nicht stehen."

Nicht schön - oder?

Die Fragen nach dem wer bei etwas (zum Beispiel bei einer Idee) relevant ist und dann danach, was die Beteiligten denken würden sind essentiell, um unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und entsprechend planen und handeln zu können.

Hintergrund

Wir sind nach dem systemischen Ansatz (entstanden aus der systemischen Therapie) in mehrere Systeme eingebunden (siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Systemische_Therapie). Beispiele für Systeme sind: Familie, Freundeskreise, Team, Abteilung, Organisation, Unternehmensgruppe, Wohnblock usw. Dabei interagieren wir in den Systemen und die Systeme reagieren entsprechend. Man könnte es so zusammenfassen: Ich kann nicht im luftleeren Raum agieren, ich bin im System eingebunden, das System reagiert auf mich und ich auf es.

Wenn ich in einem System bin kann es sehr hilfreich sein zu überlegen, wer mit mir in Beziehung steht (wer ist relevant?) und wie diese Personen denken, fühlen und reagieren könnten (zirkuläre Frage).

Das „zirkulär" meint, dass man selbst in einem System nicht einfach etwas macht und es eine einfache (lineare) Reaktion auf die eigene Handlung gibt, sondern dass eigene Aktionen auch Reaktionen verursachen, die wiederrum Reaktionen usw. Es entstehen Kreise (oder Spiralen, wenn man Zeit einbezieht) von Reaktionen und Aktionen. So eine zirkuläre Frage kann sehr einfach sein:

„Wie würden es die Kaffeehelden finden, wenn ich die Maschine umstelle?"

Oder etwas mehr „um die Ecke": „Was würde Dein Team über Dich denken, wenn Du die Kaffeemaschine umstellst?"

Man könnte einwenden, dass man ja gar nicht weiß, was die anderen denken. Stimmt! Direkt fragen hilft ungemein – ist aber auch nicht immer und sofort möglich und oft zeitaufwendig. Zudem ist es sehr hilfreich, wenn man vorbereitet in Gespräche geht und schon einmal drüber nachgedacht hat, was relevant für das Meeting und damit die Gesprächspartner sein könnte.

Wie würden die Kaffeehelden es also finden, wenn die Maschine umgestellt wird? Sie würden die Maschine vielleicht nicht finden und somit nicht Nachfüllen und Reinigen können. Zudem: ist das Umstellen nicht deren Job?

Und schon haben wir einen ersten Anhaltspunkt, was zu tun wäre: mit den Kaffeehelden über die Idee sprechen.

Das Interessante an zirkulären Fragen ist meiner Meinung nach insbesondere die Erweiterung des Verständnisses der Situation und der Interaktionen. „Was würde XY dazu sagen?" sorgt dafür, dass ich über die andere Person(en) nachdenke, also auch darüber nachdenke, was ihre Motive sind und was das mit meinem Vorhaben und mit mir zu tun hat.

Das Mindeste was dann passiert ist, dass ich einordnen kann, ob die Person relevant für mich/uns ist. Es kann aber auch passieren, dass ich auf neue Gedanken komme, zum Beispiel verstehe, dass ich mich über etwas abstimmen sollte. Ein nächster Schritt den ich machen kann!

Und noch ein kleiner Hinweis: Stellt auch diese Frage „offen". Eine Frage nach „Findet XY es gut?" sorgt ggf. nur für ein simples „Ja/Nein". Die offene Frage (ich kann nicht einfach antworten mit „Ja/Nein", „Stimmt/stimmt-nicht") nach dem „Was würde XY sagen, wenn…?" ist deutlich anregender.

Was denkt meine Mutter wohl darüber, dass ich mir ein Tattoo machen möchte? Was würde Deine Schwester sagen, was Deine Mutter darüber denkt, dass Du Dir ein Tattoo stechen lassen willst?

Was denkt der Kunde darüber, dass er Artikel leihen kann? Was denken die Kumpels vom Kunden darüber, dass die Sachen geliehen sind?

Was denken Autofahrer darüber, dass Autos autonom fahren? Was denken die Autohersteller über Autofahrer in Bezug auf autonomes Fahren?

Und so weiter…

Es geht nicht darum, die Antworten auf die Fragen sofort und definitiv zu haben – es geht vielmehr darum zu überlegen, was andere „im System" denken könnten, ob es relevant ist und wie man letztlich mit dieser Einsicht umgeht (Spoiler alert: oft sollte man genauer nachfragen und/oder etwas ausprobieren).

Probiert es einfach mal aus! Es ist oft gar nicht so einfach daran zu denken, mal eine andere Perspektive einzunehmen. Hilfreich ist es allerdings sehr oft. Viel Spaß!

LINKS

http://methodenpool.uni-koeln.de/download/zirkulaeres-fragen.pdf

http://www.coaching-globe.net/detail/article/zirkulaere-fragen.html

https://clevermemo.com/blog/systemische-fragen/#1

https://agile-verwaltung.org/2017/11/30/systemische-fragen-fuehrung-und-agiles-management/

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